Ein Thema, welches allgegenwärtig ist und dennoch bis heute einem fahrlässigen Umgang unterliegt. Im folgenden Beitrag werden wir vordergründig auf die Folgen des Kastrierens von Rüden näher eingehen und die teils schwerwiegenden Folgen dessen beleuchten.
Das Kastrieren von Rüden ist mittlerweile Gang und Gebe und gehört zu den Routineeingriffen Nummer eins. Oftmals wird diese Entscheidung aus vermeidlichen Verhaltensauffälligkeiten rührend getroffen. Der Hund zeige sich sexuell motiviert übersteigert in Form von vermehrten Urinlecken, Aggression, besteigen von Gegenständen,- Menschen und/ oder anderen Hunden, Schlaflosigkeit und Fressunlust nach Begegnungen mit läufigen Hündinnen und so weiter. Aber auch Gründe wie Aufgedrehtheit, Ruhelosigkeit und allgemein „rüpelhaftes“ Verhalten kommen in den Begründungstopf die für eine Kastration sprechen sollen.
Gesetzlich festgelegt ist, dass Körperteile eines Tieres nur dann entfernt werden dürfen, wenn eine medizinische Notwendigkeit gegeben ist. Die Auslegung, was medizinisch notwendig ist, ist jedoch weitgreifend und oftmals im Auge des Betrachters liegend. Die Verantwortung und das dazu gehörende Wissen über Verhalten und dessen Hintergründe liegen in der Entscheidung, ob kastriert werden muss oder nicht, bei den Tierärzten. Die Entscheidung sollte nur dann getroffen werden, wenn sich ein umfangreiches Bild über den Hund, dessen Lebensweise, dessen Haltung und dem jeweiligen Besitzer gemacht werden konnte. Warum ist das so relevant? Nun- 80% derartiger „Verhaltensauffälligkeiten“ eines Rüden entspringen seiner Haltung!
Das was ein Hund tut und wie er sich zeigt, basiert auf seiner Genetik, seiner Prägung, seiner Erziehung und seiner Haltung bei dem Menschen. Der Mensch kann die Haltung des Hundes maßgeblich bestimmen und entsprechend beeinflussen. Darunter zählt auch das Verhalten gegenüber Läufigkeit, Verhalten gegenüber anderen Rüden und alles, was damit in Verbindung steht. Die Beurteilung ob ein Rüde auf Grund der oben genannten Verhaltensweisen kastriert werden soll, wird in der Regel aus einer rein oberflächlichen Sicht getroffen.
Wenn Rüden sich in übersteigerten Verhaltensweisen, ob sexueller Natur oder in Form von Ruhelosigkeit oder Aufgedrehtheit verlieren, liegen die Gründe dafür in der Regel in einer für den Hund anstrengenden Haltung. Der Hund befindet sich nicht in seiner Ausgeglichenheit beziehungsweise fehlt es ihm an einem klaren Geist um gewisse Bereiche einzusortieren und verhältnismäßig darauf zu reagieren. Ein Rüde, der Nächte lang jault, das Fressen verweigert und damit völlig über seine existenziellen Grenzen geht, reagiert schlicht weg unangemessen auf diese sich zeigende Situation. Ebenso verhält es sich mit Rüden, die beginnen, Menschen oder Objekte zu besteigen. Hinter diesem Verhalten stecken meist Übersprungshandlungen auf Grund von großen, ungelösten Konflikten. Der Hund sucht dafür dann Ventile, um diese Unstimmigkeiten irgendwie für sich zu lösen. Entsprechende Ventile können ebenfalls übersteigerte Agilität oder allgemein sehr forderndes Verhalten sein.
Der Hund ist ein Lebewesen und jedes Lebewesen hat den primären Antrieb seine Existenz zu sichern. Stellt ein Hund also den Schlaf und die Futteraufnahme ein, dann bewegt er sich nicht mehr in natürlichen, sondern in unnatürlichen Bereichen, die ihm auf Dauer schaden werden. Diese Tiefgründigkeit in der Betrachtung, wann und warum Verhaltensauffälligkeiten entstehen, ist in den meisten Fällen nicht gegeben. Stattdessen wird die Problematik einem Tierarzt vorgetragen, der dann ohne ausreichende Beurteilung zur Kastration rät. Die Folgen für den Rüden sind teils dramatisch.
Tatsache ist:
Ein kastrierter Rüde verliert seine Identität!
Der Sinn der Kastration ist das Dimmen bzw. gänzliche Verhindern der Testosteronproduktion. Damit einher geht die komplette geruchliche Außenwirkung. Einfach gesagt: der Rüde wird als Rüde vom Außen nicht mehr wahrgenommen. Und damit verändert sich alles. Die Darstellung des Rüden, die Außenwahrnehmung, die Präsenz, die Energie und die Erkennung. Der Hund verliert schlichtweg seine ganze Identität. Und diese Tatsache macht sehr vielen Hunden zu schaffen. Plötzlich werden sie von anderen Rüden belästigt (Belästigung in Form von: belecken, eindringliches Beriechen, aufreiten, respektloses Verhalten …)
Auch Hündinnen zeigen sich gegenüber eines kastrierten Rüden mitunter völlig anders. Aus der Sicht der Hündin ist der kastrierte Rüde, kein Rüde mehr.
All diese Dinge haben zur Folge, dass der Rüde unter anderem sich in den jeweiligen Bereichen noch auffälliger zeigen kann oder ganz gegenteilig in eine Lethargie verfallen kann. Sehr viele Rüden, die zum Beispiel gegenüber anderen Rüden vor der Kastration nicht wohlgesonnen waren, sind es nach der Kastration noch deutlich weniger. Dadurch, dass sie nun von anderen Rüden so verkannt werden, müssen sie dies über noch mehr Verhalten kompensieren und zum Ausdruck bringen. Das kann für einen Anstieg der Aggression sowohl gegenüber Rüden als auch gegenüber Hündinnen zur Folge haben. Diese starke Veränderung der Wahrnehmung von anderen Hunden auf den Rüden stellt eine enorme psychische Belastung dar, die nicht zu verkennen ist. Die Entscheidung zu kastrieren kann also das Verhalten sowie die Psyche des Hundes negativ beeinflussen.
Durch die tägliche Arbeit mit vielen verschiedenen Hunden wissen wir, dass Rüden absolut fähig sind, sich einer läufigen Hündin gegenüber völlig normal, stressfrei und angepasst zu zeigen. Genau das ist natürliches Verhalten! Betrachtet man das Zusammenleben von Hunden in einer rein hündischen Gemeinschaft, dann kann man schlussfolgern, dass das Leben zwischen mehreren Rüden und Hündinnen absolute Normalität ist. Es gibt einen Rüden, der Anspruch auf die paarungsbereite Hündin erhebt und der Rest hält sich bedeckt. Ganz simpel. Wir nehmen sehr bewusst intakte Rüde sowie läufige Hündinnen in die Betreuung. Unser Anspruch liegt darin, dass alle Beteiligten lernen, einen angemessenen Umgang mit dieser Situation zu finden. Weil es ein absolut natürliches, gemeinschaftliches Miteinander ist.
Sehr oft werden „Hormonzustände“ als Vorwand oder Ausrede für schlechtes oder auffälliges Verhalten verwendet, dabei liegt die Hauptursache vordergründig bei dem, was den Hund umgibt und was ihn im Leben anleitet. Bei aller Liebe zum Hund muss der Mensch beginnen, die Ursache für Verhalten in seiner Haltung zu hinterfragen und anzupassen. Denn alles andere ist sonst reine Flickschusterei.


