Der perfekte Hund.

Über diese Aussage und dessen Bedeutung habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Wie definiert man perfekt? Möchte ich einen perfekten Hund? Gibt es den perfekten Hund und inwiefern ist das umsetzbar ohne an den Grundstrukturen des jeweiligen Hundes zu rütteln? Ist ein perfekter Hund erstrebenswert? Möchtest du einen perfekten Hund oder wird dir nur suggeriert, dass nur ein perfekter Hund ein guter Hund ist? Fragen über Fragen. Mit diesen Zeilen möchte ich dich gern an meinen Gedanken und an meiner Sicht zu diesem Thema teilhaben lassen. Ich möchte an dieser Stelle nochmal betonen, dass der folgende Text ausschließlich meine Sicht darstellt.

Definition perfekt

Definiert man, was einen perfekten Hund ausmacht, so erwartet man, dass Hund alles tut was Mensch gefällt. Er bellt nicht unangemessen oder fällt unangenehm auf. Er zeigt keinerlei Aggression oder Dominanz und verhält sich stets neutral und freundlich. Er ist immer 1000 % bei seinem Menschen und niemals im sich bietenden Außenreiz. Er befolgt umgehend gestellte Anforderungen und Signale. Er macht alles, was und wann Mensch es von ihm verlangt. Er tut viele Dinge wider seiner Natur. Und so weiter und so fort… Die Liste eines sich perfekt benehmenden Hundes ist wohl endlos.

Jeder Hund ist individuell.

Ich habe mir in den letzten Monaten immer öfter die Frage gestellt, ob all das mit jedem Hund umsetzbar ist. Meist wird von außen genau dieses Optimum erwartet. Das Umfeld äußerst sich negativ, wenn sich Hündchen mal nicht korrekt verhält. Im Netz finde ich klare Richtlinien, wie was zu funktionieren hat. Lese ich Fachlektüre, dann ist meist auch da sehr deutlich definiert, wie es „richtig“ geht.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es durchaus sehr viele Hunde gibt, bei denen man jene perfekte Führung im Alltag erreichen und auch erwarten kann. Das zeigen sehr viele, schöne Beispiele aus meiner Arbeit mit den verschiedensten Hunden. Diese Hunde wollen dem Menschen sehr gefallen, benötigen diese souveräne Führung und sind sehr dankbar dafür, dass der Mensch ihnen die alltägliche Verantwortung abnimmt. Ich würde sagen, dass die meisten Hunde genau das wollen und brauchen. Bei diesen Hunden kann man maximale Erfolge und diesen Perfektionismus realistisch erzielen. Ich persönlich finde ein klares Ziel und das Erstreben des persönlichen Optimums sehr löblich und unbedingt nötig. Wer keine Ziele hat, wird auch nichts erreichen. Damit du bewerten kannst, wo die Grenzen bei deinem Hund liegen und ob es überhaupt welche gibt, setzt es natürlich voraus, dass du deinen Hund wie deine eigene Westentasche kennst.

Gibt es Grenzen in der Erziehung?

Heute, um einige Erfahrungen reicher, kann ich erkennen, dass es durchaus Grenzen gibt. Diese Grenzen beginnen, wenn man anfängt, gegen Genetik und gewisse Veranlagungen zu arbeiten. Einem Hund, der eine tiefsitzende und fest verankerte, hohe Bewertung im Artgenossen hat, den werde ich nicht zu einem Hund formen können, der sich völlig neutral gegenüber anderen Hunden verhält. Diese hohe Bewertung wird immer eine Rolle spielen und wird Begegnungen oder Interaktionen zwischen den Hunden beeinflussen. Ein Hund, dessen Grundbaustein das Jagen ist, werde ich wohl niemals den Impuls des Jagens nehmen können. Obacht! Den Impuls (Impuls= Antrieb, innere Regung). Einen jagdlich ambitionierten Hund nehme ich sicher nicht den inneren Antrieb, aber ich kann ihm natürlich soweit Gehorsam lehren, dass dieser Jagdimpuls kontrollierbar bleibt. Das steht außer Frage. Und ja, das geht! Wäre dem nicht so, wären alle Jagdhunde, die ihrem Job entsprechend nachgehen dürfen, völlig unbrauchbar. Kein Jäger braucht einen Hund, der wilde Sau im Wald spielt. Ein Jäger braucht einen verlässlichen Partner an seiner Seite, damit die Jagd Erfolg hat. Ein Hund, dessen Natur es ist, sich vermehrt über Laute- also bspw. über Bellen, Knurren oder Fiepen- mitzuteilen, wirst du nicht zu einem stillen Weggefährten machen. Ein Hund dessen Veranlagung es ist, energiegeladen, dynamisch und voller Power zu sein, wirst du nicht zu einem tiefenentspannten Couchpotato umwandeln können.

Gibt es Grenzen in der Ausbildung?

Solche Grenzen bestehen im Übrigen nicht nur im Bereich der Erziehung. Es gibt definitiv auch Hunde, die nicht für jeden Job, jede Beschäftigung oder jede Aktivität gemacht sind. Nicht jeden Hund kann ich zum Servicehund ausbilden. Nicht jeder Hund ist für die Begleitung eines Polizisten gemacht. Nicht jeder Hund ist für jede Art Hundesport geeignet. Nicht mit jedem Hund kann ich eine super dynamische Unterordnung laufen.

Was ist wirklich wichtig?

Wichtig ist es doch, seinen Hund in- und auswendig zu kennen. Zu wissen wo seine Stärken und wo seine Schwächen sind. Einzuschätzen wo beim Hund die Grenzen liegen. Zu wissen, was machbar ist und was nicht. Sobald ich nämlich dieser Erkenntnis bin, kann ich wahnsinnig viel Druck rausnehmen. Auf beiden Seiten. Sobald dieser Druck nachlässt, wird einiges klarer und vieles leichter. Dieser Druck entsteht, wenn ich ein starres Bild vor Augen habe, wie es zu sein hat. Er entsteht auch wenn ich mich von äußeren Einflüssen zu sehr leiten lasse und meinen Hund in eine Form pressen will, in die er vielleicht gar nicht hinein passt.

Eine gute Sicht auf den Hund.

Damit meine ich nicht, nun fortan jedes Fehlverhalten, welches der Hund zeigt, auf Rasse oder Genetik zu schieben. Erst wenn du als Mensch alles getan hast um Besserung in euren Problemstellungen zu schaffen, erst dann kannst du anfangen, darüber nachzudenken, ob dein Hund in manchen Bereichen vielleicht nicht anders kann. Später wirst du dieses Gefühl für deinen Hund und seine Persönlichkeit entwickeln, wenn du ihn aus einem bewussten und neutralen Blickwinkel betrachten kannst. Menschliche Interpretationen für verschiedene Verhaltensweisen deines Hundes sind hier fehl am Platz. Das bedarf vor allem Zeit, Erfahrungen, eine gute und realistische Wahrnehmung und vielleicht einen Fachmann an deiner Seite.

Perfektion ist nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil. Doch der Wunsch nach Perfektion muss realistisch bleiben. Ganz am Ende musst du dich fragen, was du willst, was du von deinem Hund erwartest und wie ihr euch wohl miteinander fühlt. Mittlerweile haben sich meine Ansichten dazu auch etwas geändert. Ich möchte keinen befellten Roboter an meiner Seite marschieren lassen. Ich möchte, dass mein Hund in seinen Wesens- und Artstrukturen so bleiben darf wie er ist. Es versteht sich von selbst, dass ein harmonisches und schönes Zusammenleben trotzdem gewährleistet sein muss. Zum Wohle des Hundes und zum Wohle des Menschen.

 

Nicole Hertel Hundetrainerin

IM ALLTAG FÜHREN, IM LEBEN VERTRAUEN.

2018-08-06T18:42:48+00:00By |